Wer auf einer Bank unter einer blühenden Linde sitzt, der wird von einem intensiven Duft umgeben, der ein wenig an Maiglöckchen erinnert. Was da so gut riecht, ist der Duftstoff Farnesol. Dieser kann auch synthetisch hergestellt werden und wird sehr häufig in der Kosmetikindustrie verwendet.
Die Linden sind äußerst widerstandsfähige Bäume und spielen seit jeher im Volksleben eine bedeutende Rolle. Die Germanen hatten die Linde Frigga, der Göttin der Fruchtbarkeit, geweiht. Man glaubte auch, dass der Linde wahrsagende und heilende Kräfte innewohnten. Unter den alten Dorflinden kam man früher zusammen, um Recht zu sprechen, sich zu unterhalten, zu spielen und zu tanzen. Der Bast der Linde wurde zur Anfertigung von Stricken, Flechtwerk und in Südosteuropa auch zur Herstellung von Schuhen verwendet. Hildegard von Bingen vermutete die größte Heilkraft der Linde in der Wurzel und im Holz. Heute weiß man, dass das ätherische Öl, die Flavonoide und die Schleim- und Gerbstoffe aus den Lindenblüten heilkräftige Wirkung haben. Im Vordergrund steht die schweißtreibende Wirkung. Die Steigerung der Stoffwechseltätigkeit der Haut, die durch Erregung der Schweißdrüsen bewirkt wird, spielt eine große Rolle bei der Bekämpfung von Erkältungskrankheiten. Man schätzt die schweißtreibende Wirkung von Lindenblütentee zur Unterstützung einer Schwitzpackung. Zudem ist die reizlindernde und auswurffördernde Eigenschaft eine Wohltat bei Bronchitis und Verschleimung.
Wer die anfangs erwähnte Widerstandsfähigkeit der Linde eindrucksvoll erleben möchte, der sollte mal wieder die Tassilolinde beim Kloster Wessobrunn in Oberbayern besuchen. Nach der Sage spendete sie schon im Jahr 753 dem erschöpften Tassilo ihren erquickenden Schatten und duftete köstlich.

Linde
(Tilia cordata)

Es ist von ganz besond‘rer Güte,
Wie mancher weiß, die Lindenblüte.
Sie blüht, wenn laue Lüftchen weh‘n
Und ist ganz herrlich anzuseh‘n.

Weh‘n dann im Herbst die rauen Winde,
Freut man sich wieder an der Linde.
Wohl dem, der sie gesammelt hat,
Wenn er im Bett liegt, fiebrig matt,
D‘rauf wartend, dass des Fiebers Pein
Sollt‘ bald schon überstanden sein.

Der Tee bringt rasch den Schweiß zum Fließen,
Lässt wieder Lebenshoffnung sprießen.
Der Mensch träumt wohlig, wie es war,
Im Duft der Linde letztes Jahr,
Mit Katharina auf der Bank.
Der alten Linde sagt er Dank.

Aus dem Buch:
„Mit Malventee am Kanapee –
Ein lyrisches Heilpflanzenlexikon für alle Lebenslagen“
Autorin: Marianne Porsche-Rohrer
ISBN: 978-3-00-030908-3
Ausgabe: Taschenbuch
Seitenzahl: 118, Sprache: deutsch
Zu beziehen über den Buchhandel
oder die Verfasserin:
porsche-rohrer.praxis@t-online.de